Vom Symptom zur passenden Rolle
Oft beginnt die Suche mit dem Satz „Wir brauchen jemanden, der das Projekt in die Hand nimmt“. Welche Rolle das ist, zeigt meist das Symptom, das am meisten schmerzt:
| Symptom im Projekt | Passende Rolle | Woran Sie nach drei Monaten Erfolg erkennen |
|---|
| Das Team liefert, aber niemand entscheidet, was als Nächstes kommt | Interim Product Owner | Ein priorisierter Backlog für die nächsten Sprints, Entscheidungen fallen in der Planung statt im Nachgang |
| Neue Anforderungen brechen bestehende Funktionen, Schätzungen schwanken stark | Externer Solution Architect | Dokumentierte Zielarchitektur, klare Schnittstellen, weniger Fehler durch Seiteneffekte |
| Externe Dienstleister liefern, aber intern kann niemand Aufwand und Qualität beurteilen | Technical Product Owner | Nachvollziehbare Schätzungen, Abnahmen gegen vereinbarte Kriterien |
| Fachbereich und IT reden aneinander vorbei, das Vorhaben ist technisch anspruchsvoll | Beide Rollen kombiniert | Eine Roadmap, der Fachbereich und IT zustimmen, und Architekturentscheidungen mit Begründung |
Treffen mehrere Zeilen zu, ist das kein Grund für mehrere externe Personen. Oft reicht eine Rolle, wenn sie mit den richtigen Befugnissen ausgestattet ist.
Rolle auf Zeit oder Festanstellung
Eine Rolle auf Zeit lohnt sich, wenn der Bedarf absehbar endet oder die Stelle erst später besetzt werden soll. Typische Anlässe sind eine Vakanz, der Start eines neuen Produkts oder eine Umbauphase der Architektur. Ist die Rolle dauerhaft nötig, ist eine Festanstellung meist die bessere Wahl. Dann kann der Einsatz auf Zeit die Brücke bilden, bis die Nachfolge gefunden ist, und die Einarbeitung gleich mit übernehmen. Ist ein Projekt in Schieflage und brauchen Sie zuerst eine einmalige, unabhängige Einschätzung Ihres Systems statt einer laufenden Rolle, ist ein Software-Architektur-Review der passendere Einstieg.
Das Mandat vor dem Start klären
Rollen auf Zeit scheitern häufig weniger an der Fachlichkeit als an einem unklaren Auftrag. Diese fünf Fragen sollten vor dem ersten Arbeitstag beantwortet sein:
- Entscheidungsbefugnis: Darf die Person Prioritäten im Backlog verbindlich setzen und Architekturentscheidungen treffen, oder nur empfehlen?
- Budgetrahmen: Innerhalb welcher Grenzen darf sie Aufwände freigeben, und wer entscheidet darüber hinaus?
- Zugang: Wer sind die Stakeholder, und gibt es feste Termine mit Fachbereich und Geschäftsführung?
- Ziel und Ende: Woran messen Sie nach drei Monaten, ob der Einsatz wirkt, und was muss bis zur Übergabe erreicht sein?
- Nachfolge: Wer übernimmt danach, und ab wann arbeitet diese Person mit?
Gerade bei Dienstleistersteuerung hilft ein sauberes Lastenheft, weil es Abnahmen objektiv macht. Wie Sie eines aufsetzen, beschreiben wir im Beitrag zum Lastenheft für Software- und KI-Projekte.
Typische Fallstricke
- Product Owner ohne Entscheidungsrecht: Wer jede Priorität erst von drei Gremien absegnen lassen muss, wird zum Protokollführer. Das Team merkt das schnell und wartet dann wieder auf die Linie.
- Architektur auf Folien: Ein Zielbild, das nie am Code geprüft wird, veraltet mit dem ersten Sprint. Architekturarbeit gehört in Reviews, Pipelines und Prototypen, nicht nur in Präsentationen.
- Stille Zielkonflikte in der Doppelrolle: Wer Product Owner und Solution Architect zugleich ist, entscheidet zwischen Termindruck und technischer Qualität allein. Das funktioniert, wenn diese Abwägungen sichtbar dokumentiert werden, etwa als Architecture Decision Record mit bewusst akzeptierter technischer Schuld.
- Übergabe als letzte Aufgabe: Wird die Nachfolge erst in der letzten Woche eingearbeitet, geht das implizite Wissen verloren. Besser ist, dass die Nachfolge schon Wochen vorher Termine selbst leitet.
Wann die Kombination beider Rollen trägt
Eine Person für Product Ownership und Architektur spart Abstimmung, solange es um ein Produkt und ein bis zwei Teams geht. Das gilt vor allem, wenn die fachlichen Fragen eng mit technischen verknüpft sind, etwa bei Plattformen, Schnittstellen oder KI-Funktionen. Aus der Praxis unseres Gründers: Bei einem Premium-Automobilhersteller hat er beide Rollen für einen Diagnose-Service gemeinsam wahrgenommen und dort auch die Einführung KI-gestützter Entwicklung im Team verantwortet. Arbeiten mehrere Teams an einem Produkt oder ist die Stakeholder-Landschaft groß, empfehlen wir, die Rollen zu trennen, damit keine der beiden Aufgaben zu kurz kommt.